Zeuge Johan Frederik Beckman

136. Verhandlungstag 12.02.1965

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess

»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63

Landgericht Frankfurt am Main

136. Verhandlungstag, 12.2.1965

Vernehmung des Zeugen Johan Beckman

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie] damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Herr Beckman, zunächst Ihre Personalien. Sie heißen mit Vornamen?

Zeuge Johan Beckman:

Johan Frederik. [Pause]

Vorsitzender Richter:

Johan Frederik Beckman. Sie sind wie alt?

Zeuge Johan Beckman:

45.

Vorsitzender Richter:

45 Jahre alt. Von Beruf?

Zeuge Johan Beckman:

Major.

Vorsitzender Richter:

Major bei der Königlich-Niederländischen Landwehr. Und Sie wohnen in?

Zeuge Johan Beckman:

Leiderdorp.

Vorsitzender Richter:

Leiderdorp. Sind Sie verheiratet?

Zeuge Johan Beckman:

Ich bin verheiratet.

Vorsitzender Richter:

Und nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

Zeuge Johan Beckman:

Gar nicht.

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie sind von dem Verteidiger des Angeklagten Stark benannt worden, und zwar wegen Ihrer Kenntnis von dem Verhalten des Angeklagten Stark in dem Konzentrationslager Auschwitz. Sie selbst sind wohl auch in dem Konzentrationslager Auschwitz gewesen.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns doch bitte einmal sagen, wann Sie hingekommen sind und warum Sie hingekommen sind und von wo aus Sie hingekommen sind.

Zeuge Johan Beckman:

Na, ich bin am 6. Juli

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Der Sachverständige ist nicht da. Ich wollte mir nur diesen Hinweis erlauben. Ich weiß nicht, ob er geladen worden ist zum heutigen Termin. [Pause]

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt Wiese, würden Sie vielleicht mal den Herrn Doktor Lechler anrufen, ob er gleich kommen könnte? Dann könnten wir doch so lang innehalten.

Es soll noch ein Arzt zugezogen werden, der den Angeklagten Stark beurteilen muß. Und er soll sich Ihre Aussage nach Möglichkeit anhören.

Vorsitzender Richter:

Wir hatten Ihre Personalien entgegengenommen und waren zu der Frage gekommen, wann Sie nach Auschwitz gekommen sind.

Zeuge Johan Beckman:

Im Juli 42.

Vorsitzender Richter:

Im Juli 1942. Wo kamen Sie her?

Zeuge Johan Beckman:

Aus Compiègne.

Vorsitzender Richter:

Aus Compiègne. Und wieso kam es, daß Sie überhaupt

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Herr Präsident, entschuldigen Sie, es fehlen noch einige Verteidiger.

Vorsitzender Richter:

Wer ist denn das?

Sprecher (nicht identifiziert):

Der Herr Knögel fehlt zum Beispiel.

Vorsitzender Richter:

Herr Knögel, ja. Also Herr Knögel ist für Hofmann. Da ist Doktor Staiger. Ist alles vertreten?

Im Juli 1942 sind Sie aus Compiègne nach Auschwitz gekommen. Und warum wurden Sie seinerzeit verhaftet?

Zeuge Johan Beckman:

Ich wurde an der Schweizer Grenze verhaftet.

Vorsitzender Richter:

Sie waren doch wohl damals schon Soldat?

Zeuge Johan Beckman:

Ich war Kadett bei der Königlichen Militärakademie.

Vorsitzender Richter:

Und hatten Sie sich politisch betätigt irgendwie?

Zeuge Johan Beckman:

Auch.

Vorsitzender Richter:

Sind Sie also aus politischen Gründen verhaftet worden?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Aus politischen Gründen. Sie sind dann im Juli 42 nach Auschwitz gekommen. War das ein Eisenbahntransport?

Zeuge Johan Beckman:

Das war ein Eisenbahntransport von ungefähr 1.250 Mann.[1]

Vorsitzender Richter:

1.250 Mann. Und wo sind Sie ausgeladen worden in Auschwitz?

Zeuge Johan Beckman:

Bei Birkenau.

Vorsitzender Richter:

Bei Birkenau. Aber nicht im Lager Birkenau?

Zeuge Johan Beckman:

Nicht im Lager.

Vorsitzender Richter:

Ist damals schon eine sogenannte Selektion vorgenommen worden, das heißt eine Ausscheidung der Leute, die ins Lager kommen sollten, und derer, die nicht ins Lager kommen sollten?

Zeuge Johan Beckman:

Das habe ich nicht bemerkt. Wir wurden alle schnell rausgeknüppelt aus den Waggons. Und wir sollten dann alles, was wir bei uns hatten, liegenlassen. Da hat mein Bruder einen Schlag bekommen, und ich habe ihn mitgeschleppt. Und so habe ich nicht aufgepaßt, ob vielleicht bei diesem Transport eine Selektion war. Wir sind dann gleich nach dem Stammlager abtransportiert worden. Wir sind also nicht

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ihr Bruder war auch dabei?

Zeuge Johan Beckman:

Mein Bruder war dabei.

Vorsitzender Richter:

Lebt Ihr Bruder noch?

Zeuge Johan Beckman:

Der lebt noch.

Vorsitzender Richter:

Ist er auch Offizier gewesen?

Zeuge Johan Beckman:

Er ist jetzt auch Offizier, er war damals noch Schüler.

Vorsitzender Richter:

Und warum ist er verhaftet worden?

Zeuge Johan Beckman:

Aus dem gleichen Grunde.

Vorsitzender Richter:

Sie sind also in das Lager gekommen. Und wo sind Sie im Lager hingekommen?

Zeuge Johan Beckman:

Gleich ins Stammlager.

Vorsitzender Richter:

In welche Baracke oder welchen Block?

Zeuge Johan Beckman:

Den ersten Tag weiß ich nicht genau. Wir sind erst durch die Entlausung gegangen und so weiter. Und dann sind wir eine Nacht - das weiß ich gar nicht mehr in welcher Baracke gewesen.

Und am nächsten Tag war die Aufnahme. Da wurde links und rechts getreten und so weiter, und da haben wir die deutschen Befehle auf Französisch übersetzt. Und da sind wir gleich rausgeholt worden. Man hat uns gefragt: »Wer versteht hier Deutsch?« Da sind wir rausgeholt worden, und man hat uns zu Dolmetschern gemacht in der Aufnahmeabteilung der Politischen Abteilung.

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie dann untergebracht? Wo haben Sie nachts geschlafen?

Zeuge Johan Beckman:

Die erste Zeit im Block 24.

Vorsitzender Richter:

Und dann?

Zeuge Johan Beckman:

[Pause] Von Block 24 sind wir erst noch mal ein paar Tage nach Birkenau versetzt worden. Da wurde der ganze Transport - es war etwas nicht [in Ordnung], die Papiere waren, glaube ich, nicht angekommen. Wir wurden erst als französische Berufsverbrecher geführt. Und erst nach ein paar Tagen hat man eingesehen, daß wir politische Häftlinge waren. Und da waren auch, ich glaube, so 250 Juden dabei, jüdische Franzosen, und der ganze Transport ist erst nach Birkenau versetzt worden. Und dann wurden wir von der Politischen Abteilung auch wieder nach Birkenau versetzt.

Vorsitzender Richter:

Nach Auschwitz?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, von Auschwitz nach Birkenau, vom Stammlager nach Birkenau.

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie dort untergebracht?

Zeuge Johan Beckman:

Das weiß ich nicht genau. Das war das erste Lager, das gegenüber dem alten Frauenlager war. Eine Steinbaracke.[2]

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie sind also in der Politischen Abteilung beziehungsweise bei der Aufnahme beschäftigt gewesen.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Und was mußten Sie dort machen?

Zeuge Johan Beckman:

Dort sollten wir den Dolmetscher machen, weil die meisten kein Französisch verstanden. Und wir waren, soweit mir bekannt, der erste große französische nichtjüdische Transport, der eingetroffen ist. Und die Juden durften keine guten Posten bekommen, und da haben Sie gleich gesagt: »Na, jetzt haben wir ein paar, die Französisch verstehen.« Und man hat auch schon die holländischen Transporte erwartet.

Deswegen sind wir dann gleich bei der Politischen Abteilung, bei der Aufnahmeabteilung, als Dolmetscher eingesetzt worden. Und wir haben auch verschiedene Fragebogen mit ausgefüllt.

Vorsitzender Richter:

Was mußten Sie denn dort dolmetschen?

Zeuge Johan Beckman:

Für die Fragebogen. Jeder Zugang, der sollte eine ganze Anzahl Fragen über seine Personalien, den Verhaftungsgrund, soweit bekannt, [+ beantworten]. Das alles, seine Familienverhältnisse und so weiter, wurde auf großen Fragebogen [eingetragen]. Und dabei waren viele, die kein Deutsch verstanden. Und die Polen, die dort arbeiteten

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Verstanden kein Französisch und kein Holländisch.

Zeuge Johan Beckman:

Verstanden nicht genug Französisch, um das alles zu fragen. Und deswegen wurden wir dabei eingesetzt.

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie dort im allgemeinen zu tun? Nur die Fragebogen auszufüllen?

Zeuge Johan Beckman:

Nur die Fragebogen auszufüllen.

Vorsitzender Richter:

Oder auch sonstige Registraturarbeiten?

Zeuge Johan Beckman:

Bitte?

Vorsitzender Richter:

Sonstige Arbeiten, Büroarbeiten?

Zeuge Johan Beckman:

Na ja, alles, was dazugehört ein bißchen. Aber das meiste war, die Fragebogen auszufüllen. Und Vorbereitungen. Wenn ein Transport gekommen ist, mußten wir alles fertig machen und sind auch verschiedene Male nach Birkenau oder zum Zigeunerlager gefahren.

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie auch auf die Rampe gekommen, also wenn die Transporte kamen?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, aber nicht so, daß ich jedenfalls mich erinnere, etwas von den Selektionen gesehen zu haben. Daran kann ich mich nicht erinnern.

Ich weiß, daß das so war. Aber ich kann mich nicht erinnern, so daß ich jetzt aussagen kann, das habe ich gesehen.

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

Zeuge Johan Beckman:

Das möchte ich nicht sagen.

Vorsitzender Richter:

Bei dieser Aufnahmeabteilung, wer war da Ihr Vorgesetzter?

Zeuge Johan Beckman:

Das war der Unterscharführer Stark.

Vorsitzender Richter:

Stark. Haben Sie den gleich, als Sie hinkamen, kennengelernt?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, gleich an dem Tag, an dem wir in der Politischen Abteilung aufgenommen worden sind.

Vorsitzender Richter:

Sie sagten, Sie sind im Juli 42 nach Auschwitz gekommen. Ich nehme an, daß Sie auch Ende Juli schon in die Aufnahmeabteilung gekommen sind. [Pause] Ja. Und wie lange haben Sie denn den Stark dort erlebt?

Zeuge Johan Beckman:

Ich glaube, im Herbst oder Winter 42 bin ich krank geworden. Und in dieser Zeit ist

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War er noch da.

Zeuge Johan Beckman:

Er war noch da, als ich krank wurde. Aber als wir zurückgekommen sind, war er weg. Und dann war - den Namen weiß ich nicht mehr - ein Nachfolger dort, ein älterer.

Vorsitzender Richter:

Ein älterer Mann. Herr Zeuge, es würde mich das sehr interessieren: Wann sind Sie krank geworden?

Zeuge Johan Beckman:

Das kann ich nicht genau sagen. Es war im Herbst, ganz in der Nähe von dem Winter 42. Aber ganz genau kann ich das nicht sagen.

Vorsitzender Richter:

Also zwischen Herbst und Winter 42.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Ich frage Sie nämlich deshalb: Sie sind ja einmal vernommen worden, und zwar in Holland.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie ausgesagt: »In der zweiten Hälfte von 1943 wurde Stark versetzt, wie man sagt, an die Ostfront.«[3] 43 in der zweiten Hälfte.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.'

Vorsitzender Richter:

Und Sie sagten doch eben, Sie sind krank geworden

Zeuge Johan Beckman:

42.

Vorsitzender Richter:

42. Wie lange waren Sie denn krank?

Zeuge Johan Beckman:

Bis [Pause] Februar, März ungefähr, glaube ich - das weiß ich nicht auf das Datum genau -, 43.

Vorsitzender Richter:

War es ein halbes Jahr ungefähr, daß Sie krank waren?

Zeuge Johan Beckman:

Das mag sein, ja.

Vorsitzender Richter:

Oder kann es noch mehr gewesen sein?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, nein. Ungefähr ein kleines halbes Jahr.

Vorsitzender Richter:

Ein kleines halbes Jahr. Und als Sie zurückkamen aus dem Krankenbau, war da Stark noch da?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, dann war er, glaube ich, weg. Und dann ist er noch einmal zurückgekommen für kurze [+ Zeit], aber nicht als Leiter der Politischen Abteilung. Aber es wurde gesagt, ich glaube, mich zu erinnern, daß er zurück war. Und danach waren die Gerüchte, daß er an die Ostfront versetzt worden ist.

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er da noch mal längere Zeit dort war in dem Lager oder nur einen Tag oder ein paar Stunden?

Zeuge Johan Beckman:

Ich glaube, ein paar Tage. Ich kann es nicht sagen, denn er war nicht mehr Leiter der Politischen Abteilung. Da war schon ein Nachfolger da.

Vorsitzender Richter:

Also wenn Sie sagen, Leiter der Politischen Abteilung, dann meinen Sie Leiter der Aufnahmeabteilung?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, [+ Leiter] der Politischen Abteilung war, glaube ich, Grabner, kann das sein?

Vorsitzender Richter:

Grabner, richtig, jawohl. So war es auch.

Sie meinen also, wenn ich Sie recht verstanden habe, Sie sind im Spätherbst 1942 krank geworden und sind dann ein knappes halbes Jahr in dem Häftlingskrankenbau gewesen und kamen dann zurück. Als Sie zurückkamen, war Stark nicht mehr da?

Zeuge Johan Beckman:

Nein.

Vorsitzender Richter:

Und er kam dann noch einmal zurück, aber nur für kurze Zeit, nicht mehr zu Ihrer Abteilung.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

So war es. Nun, Herr Zeuge, Sie haben ja dann täglich mit Stark zusammenzuarbeiten gehabt.

Zeuge Johan Beckman:

In der Zeit, als ich in der Politischen Abteilung arbeitete, fast täglich, kann man sagen.

Vorsitzender Richter:

Fast täglich.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Ihnen gegenüber und Ihrem Bruder gegenüber, wie hat er sich da betragen?

Zeuge Johan Beckman:

Sehr gut.

Vorsitzender Richter:

Sehr gut?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Er hatte auch für Sie, wie ich aus Ihrer Aussage entnehme, gesorgt, als Sie seinerzeit in den Krankenbau eingeliefert worden sind?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie denn für eine Krankheit?

Zeuge Johan Beckman:

Das hat erst angefangen mit Pleuritis, ich weiß nicht, ob das ein deutsches Wort ist.

Vorsitzender Richter:

Lungenentzündung, ja.

Zeuge Johan Beckman:

Lungenentzündung. Und nachher hatte ich Fleckfieber und Bauchtyphus.

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie also offensichtlich sehr krank.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Aber wie war es denn mit Ihrem Kräftezustand, mit Ihrer Ernährung, mit Ihrem Ernährungszustand? Waren Sie widerstandsfähig, oder waren Sie auch schon einer dieser abgemagerten Menschen, die man damals in dem Lager als »Muselmänner« bezeichnet hat?

Zeuge Johan Beckman:

Das war ich bestimmt, und ich glaube, das war meine Rettung. Denn wie ich gesehen habe, sind gerade die Kräftigsten am schnellsten am Fleckfieber gestorben. Man sagte, das war der Eiweißgehalt im Körper oder so was, was damit zu tun hatte. Und gerade die »Muselmänner« hatten mehr

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Chancen.

Zeuge Johan Beckman:

Widerstand gegen das Fleckfieber.

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, andererseits soll es so gewesen sein, so haben es uns jedenfalls bisher die Zeugen berichtet, daß gerade die »Muselmänner« wieder sehr gefährdet waren, weil man sie sehr schnell ausgewählt und irgendwie zu Tode gebracht hat.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das stimmt, da war die Kommission. Alle 14 Tage, drei Wochen oder so war das, das nannte man dann Kommission im Lager.

Vorsitzender Richter:

Eine Kommission?

Zeuge Johan Beckman:

Eine Kommission.

Vorsitzender Richter:

Und aus wem bestand denn die Kommission?

Zeuge Johan Beckman:

Das kann ich nicht sagen.

Vorsitzender Richter:

Waren das mehrere Leute?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das waren mehrere Leute. SS-Ärzte waren dabei, glaube ich, und die haben dann ausgesucht.

Vorsitzender Richter:

Haben Sie bei dieser Krankheit oder bei diesem Aufenthalt im Krankenbau auch die Sanitätsdienstgrade kennengelernt?

Sie wissen, was das ist? Das ist also ein Sanitätssoldat, ein Gefreiter oder so irgend etwas. Ich weiß nicht, wie Sie das bei Ihrer Truppe nennen.

Zeuge Johan Beckman:

Nein, nicht genau. Es war am besten, daß wir einander nicht so gut kannten. Mir wurde geholfen von den Häftlingspflegern, die mich immer verlegt haben und deswegen die

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Selektion

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Papiere etwas durcheinander gemacht haben, daß man nicht genau gewußt hat, wie lange ich schon auf einer Station gelegen hatte. Ich wurde von einem Zimmer, von einer Stube in die andere gelegt und habe in der Zeit, ich glaube, drei Krankenblocks hinübergegangen

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Durchlaufen, ja. War es nicht merkwürdig, daß man Sie nicht auch herausgesucht hat und zu Tode gebracht hat?

Zeuge Johan Beckman:

Ich glaube gerade, daß es daran gelegen hat, daß ich jedenfalls, und nachher mein Bruder auch, eine gute Beziehung hatte mit dem Häftlingspfleger und dem Häftlingsarzt, die uns gerade diese Ein- und Ausschreiben so gemacht haben, daß man damit die SS irregeführt hat.

Vorsitzender Richter:

Könnte es auch so gewesen sein, daß vielleicht Stark sich für Sie verwandt hat?

Zeuge Johan Beckman:

Das ist möglich.

Vorsitzender Richter:

Ja.

Zeuge Johan Beckman:

Das ist möglich. Es war bekannt von dem Tag, als wir nach Birkenau gegangen sind, daß Stark sich für uns eingesetzt hat. Er hat uns persönlich zu dem Lagerältesten von Birkenau gebracht und hat ihn persönlich verantwortlich gestellt, daß mit uns nichts geschehen würde.

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie der Arzt hieß? Oder der Lagerälteste, sagten Sie, ja?

Zeuge Johan Beckman:

Der Lagerälteste, ja.

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie, daß er zu dem gesagt hat, er sei verantwortlich, daß Ihnen nichts geschehen sollte?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, da war ich persönlich dabei. Das habe ich gehört.

Vorsitzender Richter:

Nun sagten Sie, Ihnen gegenüber und auch Ihrem Bruder gegenüber hat er sich anständig und gut betragen. Wie hat er sich denn im übrigen den anderen gegenüber aufgeführt?

Zeuge Johan Beckman:

Im allgemeinen war er, soweit ich beobachtet habe, eine günstige Ausnahme gegenüber den anderen SS-Leuten.

Das einzige, was ich einmal gesehen habe: Als wir, die ganze Aufnahmeabteilung, einmal nach Birkenau marschierten, und das war schon ganz am Anfang, [+ war es so,] daß die Polen ein bißchen Spaß gemacht haben untereinander, und das hat ihm nicht gefallen. Und da hat er sie eine Zeitlang hüpfen lassen. Das war das Schlimmste, was ich gesehen habe.

Vielleicht war das noch, um ein bißchen Eindruck zu machen, weil wir erst kurz dabei waren. Ich hatte mehr den Eindruck, daß er uns zeigen wollte, was er machen konnte. Diesen Eindruck hatte ich.

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, es ist menschlich verständlich, daß Sie nun dem Stark, der Sie offensichtlich nicht schlecht behandelt hat und der sich auch um Sie gekümmert hat, nichts Böses nachsagen wollen aus einer gewissen Dankbarkeit heraus. Aber sollte Ihnen nun etwas bekannt geworden sein, was doch nicht richtig war und was nicht in Ordnung war, müssen Sie uns das natürlich sagen, nicht?

Zeuge Johan Beckman:

Erst vor kurzem habe ich gehört - ich habe auch die Zeitungen gelesen -, daß er sich auch beteiligt hat an einer Vergasung und, ich glaube, Erschießung.

Das habe ich nachher gehört. Das habe ich in meiner Zeit gar nicht beobachtet. Im allgemeinen haben wir untereinander doch sehr gut gewußt, wer jedesmal dort hingegangen ist, mit Hinrichtungen beschäftigt war und so weiter.

Das einzige, wovor man mich gewarnt hat bei Stark, war, daß er Beziehungen zur Gestapo hatte und man immer vorsichtig sein mußte, was man zu ihm sagte. Das war das einzige, was man mir gesagt hatte und wovor wir Angst hatten. Also Sie verstehen, daß die Gefangenen untereinander sich warnen: »Paß auf «

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Natürlich.

Zeuge Johan Beckman:

»Das ist ein gefährlicher.« Und da sollte man aus dem Wege bleiben und so weiter.

Vorsitzender Richter:

Sie sagen aber, in der Zeit, als Sie dort waren, haben Sie weder gehört, daß er sich mit Erschießungen befaßt hat, noch, daß er bei Vergasungen tätig war.

Zeuge Johan Beckman:

Das habe ich auch in dieser Zeit nicht gehört. Das habe ich erst nachher, also jetzt, im vorigen Jahr

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In dem Lauf des Prozesses, ja.

Zeuge Johan Beckman:

Im Laufe des Prozesses gehört.

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich noch daran erinnern, oder ist damals im Lager darüber gesprochen worden, als die erste Vergasung stattfand?

Zeuge Johan Beckman:

Nein. Ich glaube, es wurde schon vergast, bevor ich im Lager war.

Vorsitzender Richter:

Das war schon vorher, bevor Sie im Lager waren?

Zeuge Johan Beckman:

Das glaube ich schon, ja.

Vorsitzender Richter:

Wo wurden denn die Vergasungen vorgenommen, als Sie bereits im Lager waren? Wissen Sie, wo die vorgenommen worden sind?

Zeuge Johan Beckman:

Nein.

Vorsitzender Richter:

Ob sie in dem Krematorium stattfanden? Das Kleine Krematorium, das mußten Sie ja im Auge haben von Ihrer Aufnahmeabteilung aus. Das haben Sie ja gesehen, nicht?

Zeuge Johan Beckman:

Ja. Nein. Das konnte ich nicht sehen.

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie es mal hier zeigen wollen an der Karte. Zeigen Sie es uns vielleicht einmal, wo Ihre Aufnahmeabteilung war. Gehen Sie mal bitte hin, ja? [Pause] Also Ihre Aufnahmeabteilung - Sie sehen unten den schwarzen Strich, diesen schwarzen Pfeil. Das ist der Eingang.

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Ja, das ist der Eingang. Und das war Block 24, da haben wir erst geschlafen, gewohnt. Und an der anderen Seite von der Küche, hier irgendwo, war die Aufnahmeabteilung.

Vorsitzender Richter:

Da war die Aufnahmeabteilung?

Zeuge Johan Beckman:

Einer dieser Blocks. Ich weiß nicht genau. Da war auch die Bekleidungskammer und die Entlausungsanstalt, wenn die Leute

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Effektenkammer, ja.

Zeuge Johan Beckman:

Die Effektenkammer, ja.

Vorsitzender Richter:

So. Und wissen Sie, wo das Kleine Krematorium war?

Zeuge Johan Beckman:

Das muß irgendwo hier gewesen sein. Da.

Vorsitzender Richter:

Ja, ganz recht. Jawohl, da war es auch. Dann nehmen Sie bitte wieder Platz.

Sie haben also damals gar nicht gehört, wo die Leute vergast worden sind?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, das habe ich damals nicht gehört. Nachher, als ich schon in einem anderen Kommando war, habe ich auf dem Baubüro die Zeichnungen gesehen von einem großen Raum mit Zyklon-1-Angaben, womit vergast wurde. Da habe ich damals Zeichnungen gesehen. Aber in der Aufnahmeabteilungszeit nicht.

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nichts gesehen. Und auch nichts darüber gehört, was man mit den Leuten anstellte? Ich meine, alle Häftlinge haben doch untereinander sich ausgetauscht und haben doch ihre Erfahrungen und die Gerüchte mitgeteilt, die da umgegangen sind. Da ist doch sicher davon gesprochen worden, daß die Menschen, die in den Transporten ankamen, zum Teil vergast worden sind?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das wußte ich auch.

Vorsitzender Richter:

Das wußten Sie doch auch, nicht?

Zeuge Johan Beckman:

Ist klar, ja.

Vorsitzender Richter:

Und hat man nicht darüber gesprochen, wo das gemacht worden ist?

Zeuge Johan Beckman:

Bestimmt, aber ich kann mich nicht [+ erinnern]. Ich glaubte, daß es irgendwo bei Birkenau war. Denn von dort aus waren die meisten verschwunden, wenn man so sagen darf. Aber ich kann nicht genau sagen, wo die Vergasungen stattfanden.

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie haben also jedenfalls nicht beobachtet, daß Stark Menschen in das Krematorium gebracht hat?

Zeuge Johan Beckman:

Nein.

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch nichts davon beobachtet, daß er zum Erschießen gegangen ist?

Zeuge Johan Beckman:

Nein. Ich habe nachher gehört, daß es wohl geschehen ist. Aber das wunderte mich gerade deswegen, weil bei uns, auch in der Politischen Abteilung, niemals davon gesprochen worden war.

Vorsitzender Richter:

Sie haben es später gehört, das heißt also erst im Laufe dieses Prozesses?

Zeuge Johan Beckman:

Jawohl.

Vorsitzender Richter:

Sie sagten eben schon, es wunderte Sie, denn Sie hätten an und für sich dergleichen Dinge hören müssen. Denn man hat sich ja darüber unterhalten.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Hat man sich denn sonst unterhalten über das, was da passiert ist, zum Beispiel über das, was bei der Politischen Abteilung passiert ist?

Zeuge Johan Beckman:

Ein bißchen. Es wurde mir gesagt, daß in der anderen Abteilung der Politischen Abteilung außerhalb des Drahtes Vernehmungen stattfanden. Das war das Büro von Grabner, glaube ich.

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist richtig.

Zeuge Johan Beckman:

Da hat man gesagt: Wenn du etwas damit zu tun hast, dann ist es schon sehr gefährlich.

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie da außer Grabner noch andere Namen gehört? [Pause] Haben Sie zum Beispiel [+ den Namen] Boger gehört?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Von Boger haben Sie gehört? Und was haben Sie von ihm gehört?

Zeuge Johan Beckman:

Na, daß er auch einer derjenigen war, die sich an Mißhandlungen und... [Pause] Ja, wie soll man das sagen

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sogenannten »Verschärften Vernehmungen«?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, daß er sich damit beschäftigte. Das war allgemein bekannt.

Vorsitzender Richter:

Was hatte er denn für einen Ruf im Lager, unter den Häftlingen?

Zeuge Johan Beckman:

Einen sehr gefährlichen Ruf. Man sollte ihm besser weit aus dem Weg gehen.

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch gehört, daß Menschen gestorben sind, die bei ihm auf diese Weise verhört worden sind?

Zeuge Johan Beckman:

Das habe ich auch gehört.

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gehört. Aber Näheres können Sie uns nicht sagen?

Zeuge Johan Beckman:

Nein. Es war aber typisch. Wenn jeden Tag so viele Menschen sterben unter allerlei Umständen, dann wird das im allgemeinen Gewohnheit. Und nur wenn es eine Ausnahme gewesen wäre, wenn zum Beispiel mein Bruder gestorben wäre, dann hätte ich gewußt, wer das gemacht hat und so weiter.

Aber wenn jeden Tag ein paar Hundert Tote anfallen, dann weiß man nicht genau, wer was getan hat. Man weiß, dieser hat sich daran beteiligt, aber genau weiß ich das nicht.

Vorsitzender Richter:

Haben Sie zum Beispiel auch die Namen der Rapportführer gekannt?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Wen haben Sie denn da gekannt?

Zeuge Johan Beckman:

Kaduk, Palitzsch, Stiwitz.

Vorsitzender Richter:

Kaduk haben Sie auch gekannt?

Zeuge Johan Beckman:

Kaduk auch.

Vorsitzender Richter:

Auch persönlich gekannt, also gesehen, wie er aussah und so weiter?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, aber ich kann nicht genau sagen, was und an welchem Tag. [...]

Vorsitzender Richter:

Was hat er denn für einen Ruf im Lager gehabt?

Zeuge Johan Beckman:

Einen ganz schlechten auch.

Vorsitzender Richter:

Auch einen ganz schlechten Ruf. Haben Sie von ihm irgendwie gehört, daß er sich beteiligt hat an Tötungen von Menschen?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das wurde jedenfalls als feststehend angenommen im Lager.

Vorsitzender Richter:

Als feststehend angenommen. Hat man auch Einzelheiten erzählt?

Zeuge Johan Beckman:

[Pause] Bestimmt damals wohl, aber daran kann ich mich jetzt nicht erinnern.

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie auch nicht mehr.

Zeuge Johan Beckman:

Mein Bruder hat einmal etwas mit ihm zu tun gehabt, als er Blockschreiber war, aber...

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind nachher weggekommen von der Aufnahmeabteilung?

Zeuge Johan Beckman:

Jawohl.

Vorsitzender Richter:

Wo sind Sie hingekommen?

Zeuge Johan Beckman:

Erst zum Kommando Installateure. Dann bin ich hin- und hergelaufen zwischen Birkenau und Auschwitz. Und nachher [+ war ich] beim Baubüro.

Vorsitzender Richter:

Beim Baubüro. Und Sie sind geblieben bis zur Evakuierung?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ich glaube wohl. Ich glaube, daß ich nur Installateur[+ -Kommando] und Baubüro gehabt habe nachher.

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie rausgekommen aus dem Lager?

Zeuge Johan Beckman:

Im September 44 sind wir auf Transport nach Groß-Rosen abgestellt worden.

Vorsitzender Richter:

Zu Fuß oder mit der Bahn?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, das war ganz schön mit dem Zug. Da waren von unserem Transport, ich glaube, ungefähr 90 Mann übrig. Und dann hat sich herausgestellt, die sollten umgeschult werden oder so was.

Und es sind drei Transporte von 30 Mann davon zusammengestellt worden. Einer sollte nach Sachsenhausen fahren, und der wurde, sagt man, unterwegs bombardiert. Bei dem zweiten weiß ich gar nicht, wo der hingefahren ist. Und der dritte ist nach Groß-Rosen gekommen.

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie dabei?

Zeuge Johan Beckman:

Da war ich dabei.

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

Richter Hotz:

Herr Zeuge, haben Sie sich auch mit Stark des öfteren unterhalten, oder hat er sich mit Ihnen unterhalten?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das tat er mehrmals, wenn wir da in der Schreibstube waren. Da hat er mit uns gesprochen, und er war ein bißchen so - ich muß einmal die Wörter suchen.

Richter Hotz:

Ja, bitte schön.

Zeuge Johan Beckman:

Er wollte etwas...

Richter Hotz:

Persönlich im Gespräch?

Zeuge Johan Beckman:

Er wollte mal zeigen, daß die deutschen Schulen besser waren als die im Ausland, so im allgemeinen. Und da hat er uns eine Art Examen abgenommen. Und das tat er mit allen, auch mit den Polen dort. Das war sehr bekannt von ihm, daß er immer etwas stolz war, daß die deutschen Schulen besser waren als alle anderen.

Richter Hotz:

Hat er auch seine Auffassung über dies und jenes mit Ihnen besprochen, etwa seine politische Einstellung Ihnen gegenüber begründet?

Zeuge Johan Beckman:

Das mag wohl sein. Mehrmals haben verschiedene Leute mit uns darüber gesprochen, warum wir als Stammverwandte nicht mit den Deutschen mitgekämpft haben, sondern gegen sie. Das kann er auch gemacht haben, das weiß ich nicht.

Richter Hotz:

Hat er irgend etwas darüber gesagt, wie sein Verhältnis zu den Juden sei, seine Einstellung zu diesem Problem?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das glaube ich wohl. Ich glaube, daß er bestimmt glaubte, nach der allgemeinen Auffassung, daß die Juden - ja, wie sagt man - Untermenschen waren oder so was, daß sie eine minderwertige Rasse waren. Das glaube ich bestimmt. Er war sehr, ausgesprochen Arier, wie man das in dieser Zeit nannte.

Richter Hotz:

Also er hat diese antisemitische Einstellung sehr betont auch Ihnen gegenüber zum Ausdruck gebracht?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, er hat nicht so sehr darüber geschimpft. Er hat nur herablassend darüber gesprochen. Ich glaube, das ist das [richtige] Wort.

Richter Hotz:

Dann eine andere Frage: Sind Sie je in der Blockführerstube gewesen?

Zeuge Johan Beckman:

Nur einmal, aber

Richter Hotz [unterbricht]:

Nur einmal. Und Sie sagten vorhin, Sie seien in dem Kommando Baubüro ab Herbst 43 gewesen.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ungefähr.

Richter Hotz:

Ungefähr.

Zeuge Johan Beckman:

Das kann ich nicht so genau sagen.

Richter Hotz:

Können Sie aus Ihrer Tätigkeit in diesem Kommando sagen, wann die Krematorien in Birkenau fertiggestellt worden sind?

Zeuge Johan Beckman:

[Pause] Ich glaube, die waren schon angefangen, wenn ich mich recht erinnere, bevor ich in das Baubüro gekommen bin. [Pause] Ich habe schon die fertigen Zeichnungen gesehen. Und ich habe damals auch verschiedene Papiere gesehen. Und das ist, was mir am besten [+ in Erinnerung] geblieben ist, das Gas, das heißt das Zyklon 1 oder so was.

Richter Hotz [unterbricht]:

Diese Einfüllstutzen?

Zeuge Johan Beckman:

Daran erinnere ich mich noch, aber

Richter Hotz [unterbricht]:

Und der Verwendungszweck war dort mit eingetragen?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ich habe doch noch einiges zu fragen. Sie haben eben gesagt, Stark sei antisemitisch eingestellt gewesen, das heißt, er hätte also mit einer ziemlichen Herablassung von den Juden gesprochen.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn auch gesehen, daß er Juden mißhandelt hat oder daß er sie gequält oder sonstwie gekränkt hat?

Zeuge Johan Beckman:

Nein. Ich hatte vielmehr den Eindruck, mein persönlicher Eindruck war es, daß der Stark sich selbst zu gut fühlte, um seine Hände damit zu beschmutzen. [Pause] Nicht daß er Mitleid hatte mit den Juden, aber er war ganz einfach zu hoch dafür, um sich damit zu beschäftigen. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls.

Vorsitzender Richter:

Konnte er nicht ziemlich ausfallend werden, daß er also sehr geschimpft und getobt hat?

Zeuge Johan Beckman:

Das mal, aber das war gewohnt.

Vorsitzender Richter:

Das war nichts Besonderes, meinen Sie?

Zeuge Johan Beckman:

Das war für einen SS-Mann nichts Besonderes.

Vorsitzender Richter:

Also toben und schimpfen, das konnte er auch?

Zeuge Johan Beckman:

Bisweilen, aber bestimmt nicht so, daß es auffallend war im Vergleich zu anderen. Ich glaube, eher weniger.

Vorsitzender Richter:

Aber die andere Konsequenz, daß er dann auch gemein und sadistisch den anderen Leuten gegenüber geworden ist, das haben Sie nicht gesehen?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, das ist mir aufgefallen, daß er wirklich eine günstige Ausnahme [darstellte]. Wenn jeder etwas mittut, und einer macht etwas weniger oder gar nicht mit, dann fällt er auf im Vergleich zu den anderen.

Vorsitzender Richter:

Nun noch etwas anderes. Hat er sich immer gern ein bißchen hervorgetan? War er ein bißchen überheblich oder ein bißchen, na, aufgeplustert?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ja. Ein bißchen angeberisch ist das [richtige] Wort. In seiner schönen Uniform herumstolzieren und etwas angeben, das war sein ganzes Auftreten da.

Vorsitzender Richter:

Gut. Sind noch Fragen von seiten des Gerichts? Ja, bitte schön.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, welche Häftlingsnummer hatten Sie?

Zeuge Johan Beckman:

45.218.

Ergänzungsrichter Hummerich:

45.218. Sie sagten vorhin, die erste Zeit seien Sie als Krimineller behandelt worden. Hatten Sie auch das grüne Dreieck gekriegt?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, nur bei dem Foto. Ich habe zufällig mein Aufnahmefoto bei mir. Da steht noch drauf: BV F, also Berufsverbrecher, Franzose.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber das grüne Dreieck haben Sie nicht gekriegt?

Zeuge Johan Beckman:

Das haben wir gar nicht bekommen. Denn das wurde schon gleich bei der Aufnahmeabteilung, bei den Polen, geklärt.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Es wurde da schon geklärt?

Zeuge Johan Beckman:

Das wurde schon gleich

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und Ihre Kameraden aus dem Transport? Wurde es für die auch geklärt, oder nur für Sie und Ihren Bruder?

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Ja, bei allen gleich. Nein, wir haben alle gleich das rote Dreieck bekommen. Vielleicht haben einige, die damals gleich nach mir [+ kamen], einen Tag das grüne Dreieck gehabt. Das mag sein, das weiß ich nicht mehr.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Durften Sie nachher aus dem Lager nach Hause schreiben?

Zeuge Johan Beckman:

Erst nach viel längerer Zeit. Das war bei einer Bibelforscherin, nachher, die ich im Krankenbau [+ kennenlernte]. Wenn sie zum Oberarzt gegangen ist, da war ich auch, dann haben wir uns gesprochen. Und die wurde entlassen, und sie hat meine Mutter besucht.

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Benachrichtigt.

Zeuge Johan Beckman:

Und dann hat meine Mutter dem Lagerkommandanten geschrieben. Und so bekamen wir Genehmigung zum Schreiben. Vorher wurde gesagt, daß wir gestorben sind.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie damals etwas von dem Begriff NN gehört?

Zeuge Johan Beckman:

Nein.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also »Nacht und Nebel«.[4]

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ich weiß, was das ist. Aber

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie wissen es heute?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ich glaube nicht, daß ich das damals gewußt habe.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und damals wußten Sie es wahrscheinlich nicht.

Zeuge Johan Beckman:

Damals wußte ich es nicht.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber wurden Sie so behandelt zunächst? Wissen Sie auch nicht? Haben Sie keine Vorstellung?

Zeuge Johan Beckman:

Es mag sein. Was mich gewundert hat, war, daß wir dorthin geschickt worden sind und daß gar keine Papiere gekommen sind. Und erst nach ungefähr einem Monat sind Papiere aus Compiègne eingetroffen. So habe ich

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Das haben Sie in der Aufnahmeabteilung festgestellt?

Zeuge Johan Beckman:

Das habe ich nachher gehört. Und danach hat man gesehen, was für ein Transport wir eigentlich waren.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also jedenfalls waren Sie ein besonderer Transport?

Zeuge Johan Beckman:

Wir waren der erste nichtjüdische Transport, soweit ich feststellen konnte, aus Compiègne. Vorher war ein jüdischer Transport, einer oder zwei, aus Compiègne gekommen.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagten vorhin, daß Ihr Tätigkeitsbereich in der Effektenkammer war, daß Sie da die Aufnahmen gemacht haben, wo auch die Entlausung war.

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Nein, nein, neben der Effektenkammer.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Oder neben der Effektenkammer, ja.

Zeuge Johan Beckman:

Die Effektenkammer war einen Block weiter.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wissen Sie, wo Stark selbst sein Dienstzimmer hatte?

Zeuge Johan Beckman:

Nein. Er konnte außerhalb des Drahtes vielleicht noch ein Dienstzimmer haben, aber den größten Teil des Tages war er bei uns.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha. Er war den größten Teil des Tages bei Ihnen?

Zeuge Johan Beckman:

Den größten Teil des Tages war er bei uns.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Jedenfalls während der Zeit, als Sie da waren?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie war es denn, wenn nun ein großer Transport kam? Sind Sie dann mit dem Stark an Ort und Stelle gegangen, wo der Transport ankam, oder kamen die Leute alle bei Ihnen an der Baracke vorbei?

Zeuge Johan Beckman:

Nein. Gerade wenn die großen Transporte gekommen sind, erst für Birkenau und nachher für das Zigeunerlager, sind wir, das ganze Kommando, mit Stark - der fuhr auf dem Fahrrad hinter uns her - nach Birkenau gelaufen. Und da wurde in einer dieser Baracken auch wieder der Aufnahmeakt gemacht, bis nachher Birkenau eine eigene Aufnahmeabteilung bekommen hat.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da waren Sie aber nicht tätig?

Zeuge Johan Beckman:

Und dann sind wir nicht mehr dagewesen.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wo war das, wo die anderen Transporte ankamen? War das außerhalb der beiden Lager?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, wir mußten erst in eine Baracke kommen, wohin die Leute gekommen sind. Da waren sie schon ausgeladen.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha. Da war aber auch eine Baracke?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, auch in Birkenau. Eine Aufnahmebaracke, ich weiß nicht mehr genau, welche. Da sind wir reingekommen. Und da mußten wir erst alles fertigstellen.

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Da saßen Sie an Tischen, ja

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Die Fragebogen fertig hinlegen und so weiter. Und dann erst sind die Leute, die sind dann von der Entlausung und so weiter gekommen.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren sie dann schon eingekleidet, wenn sie zu Ihnen kamen? Oder waren die noch in Zivil? Die Zigeuner waren ja sowieso in Zivil.

Zeuge Johan Beckman:

Die waren in Zivil.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und die anderen?

Zeuge Johan Beckman:

Ich habe auch Leute gesehen, die noch nicht eingekleidet waren.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber es waren auch welche, die eingekleidet waren?

Zeuge Johan Beckman:

Es waren welche, die eingekleidet waren. Das war in Birkenau auch dabei, wo die Leute, daran erinnere ich mich, gleich gefilzt wurden, ob die etwas versteckt hatten.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha.

Zeuge Johan Beckman:

Denn da sind auch einige schwer geschlagen worden.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da waren die längst ausgeladen. Der Zug war ja woanders wohl angekommen?

Zeuge Johan Beckman:

Bitte?

Ergänzungsrichter Hummerich:

Der Zug war wohl woanders angekommen, nicht in Birkenau.

Zeuge Johan Beckman:

Der war woanders angekommen.

Ergänzungsrichter Hummerich:

So wie Sie auch außerhalb von Birkenau.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ja.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da gingen Sie dann hin und machten die Aufnahme fertig?

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und was machten Sie nun mit diesen Karteikarten und Papieren, die Sie da fertig machten? Gaben Sie die dem Stark?

Zeuge Johan Beckman:

Das weiß ich nicht. Ich glaube, daß Stark die mitgenommen hat. Aber wo die geblieben sind

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Ach, Sie haben die dann nicht weiter behandelt?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, wir haben sie bloß ausgefüllt.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie machten nur das Eintragen?

Zeuge Johan Beckman:

Wir machten bloß das Ausfüllen, und Tage vorher und Tage nachher hatten wir zu schreiben. Das war immer so: Wenn so viele, Zehntausende, [+ kamen], haben wir dann hintereinander schreiben müssen. Und was damit geschehen ist, weiß ich nicht.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und haben Sie bei der Aufnahme schon gleich auch eine Häftlingsnummer eingetragen? War das Ihre Sache?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, vorher wußte man ungefähr, wie groß der Transport wurde, und da haben wir so einen Zettel bekommen. Und jeder Häftling hat von uns den Zettel bekommen und ist mit dem Zettel zum Tätowierer gegangen. Und der hat die Nummer tätowiert.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das haben Sie alles schon vorbereitet?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das war schon vorbereitet. Und dann hatten wir schon ein ganzes Büchlein mit Nummern. Und diese wurden ausgegeben und gleich den Häftlingen gesagt, daß sie das Papier zeigen sollten, wenn wir die Aufnahmebogen ausfüllten. Dann wurde gleich mit dem Aufnahmebogen auch die Nummer aufgeschrieben. Und etwas davor oder etwas danach, das weiß ich nicht ganz genau, aber jedenfalls ungefähr in demselben Augenblick wurden sie auch tätowiert.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Jetzt eine andere Sache: Sie sagten uns ja, Sie waren auch ein gutes Jahr in der Bauabteilung.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, im Baubüro.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Im Baubüro.

Zeuge Johan Beckman:

Es gab den Bauhof, wo man Zementsäcke geschleppt hat, und das Baubüro, das war

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Da hat man am Schreibtisch gesessen oder am Zeichenbrett.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ja.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie war das nun im Baubüro? Wer hat Sie da beaufsichtigt? Wer war da, sagen wir mal, Ihr Chef? War das auch ein Kommando mit einem Kapo, oder waren Sie da unter Zivilisten oder unter SS-Leuten?

Zeuge Johan Beckman:

Es war ein Kommando. Sowieso waren wir niemals ohne Aufsicht. Aber dort haben wir auch mit Zivilisten gearbeitet und mit SS-Leuten. Da waren Zeichenbretter und so weiter.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber das waren dann Zivile? Da wurde nicht geschlagen oder so etwas?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, das war ein ganz gutes Kommando.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Kannten Sie da zufällig jemanden namens Kral?

Zeuge Johan Beckman:

Nein.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Rein zufällig?

Zeuge Johan Beckman:

Nein, kann ich mich nicht erinnern.

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nicht. Danke schön, dann habe ich keine Fragen mehr.

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas davon, ob Stark auch zu Selektionen hingegangen ist?

Zeuge Johan Beckman:

Es ist möglich, weil er nicht immer während der Aufnahme bei uns war und kurz vor der Aufnahme. Es ist also möglich, das kann ich nicht sagen, er war nicht die ganze Zeit bei uns.

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie hatten einmal gesagt, Sie glaubten nicht, daß er bei Selektionen zugegen gewesen sei.

Zeuge Johan Beckman:

Nein, das glaube ich auch nicht. Aber es ist möglich.

Vorsitzender Richter:

Und zwar haben Sie es damals auch begründet, warum Sie das nicht glaubten. [Pause] Sie haben damals gemeint, er könne nicht dort gewesen sein, denn er sei immer wieder zu früh zurück gewesen.

Und zwar haben Sie gesagt: [Pause] »Hinsichtlich der Mitwirkung von Stark an der Selektion&loaquo, Blatt 14.159, »von Häftlingen, die zur Vergasung bestimmt waren, ist mir nichts bekannt. Diese Selektion fand ebenfalls außerhalb der eigentlichen Umzäunung des Lagers statt. Sehr wahrscheinlich erscheint es mir nicht, daß Stark daran mitgewirkt haben soll. Denn unmittelbar nach dieser Selektion mußten die Überlebenden registriert werden. Und vorher saß Stark bereits in seinem Büro, um darauf zu achten, daß wir die Registrierung ordnungsgemäß vorbereiteten.«[5]

Zeuge Johan Beckman:

Ja, ja.

Vorsitzender Richter:

So haben Sie damals ausgesagt.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, aber es...

Vorsitzender Richter:

Aber ausschließen können Sie es nicht, weil Sie

Zeuge Johan Beckman [unterbricht]:

Ausschließen

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nicht draußen waren.

Zeuge Johan Beckman:

Ich war nicht draußen. Und ich kann auch nicht für jede Minute sagen, daß er immer bei uns war. Aber im allgemeinen, wenn ich das so sagen darf, war er immer bei der Aufnahme anwesend.

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bei Ihnen. Ja. Herr Staatsanwalt?

Sprecher (nicht identifiziert):

Danke.

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, Sie sagten vorhin, daß Sie also in dem Block 25 oder 26 gearbeitet haben in der Aufnahmeabteilung. Wo haben Sie gewohnt während dieser Zeit?

Vorsitzender Richter:

Das hat er schon gesagt.

Zeuge Johan Beckman:

Im Block 24.

Vorsitzender Richter:

Block 24.

Nebenklagevertreter Raabe:

Ach so, Entschuldigung. Ich war mir nicht ganz sicher. Wer war denn der Blockführer in diesem Block?

Zeuge Johan Beckman:

Das weiß ich nicht mehr. Daran kann ich mich nicht erinnern. Wir waren immer sehr früh heraus und am spätesten wieder herein. Und eben auch, wenn es Blocksperre gab. Da waren wir von der Politischen Abteilung immer entschuldigt, weil wir dort Arbeiten zu tun hatten. Wir hatten dadurch eine ziemliche Bewegungsfreiheit auch während der Blocksperre.

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und hatten Ihre Ruhe, ja.

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie viele Häftlinge haben mit Ihnen in Ihrem Dienstzimmer gearbeitet in der Aufnahmeabteilung?

Zeuge Johan Beckman:

Na, es mögen ungefähr zehn gewesen sein. Ich kenne nicht alle Namen. Ich weiß verschiedene Namen, ungefähr zehn. Da kann ich vielleicht einen oder zwei

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Können Sie einige Namen nennen, bitte?

Zeuge Johan Beckman:

Tadeusz Szymanski, Kazimierz Smolen, die beide jetzt im Museum Auschwitz tätig sind. Dann ein Marian Kazikowski, ein Bohdan, ein Ukrainer. Dann ein ganz kleiner Pole, der ist, glaube ich, jetzt verstorben, Peter heißt er. Den Namen weiß ich nicht. Und dann noch zwei ungefähr. Ich weiß nicht alle Namen mehr.

Nebenklagevertreter Raabe:

Und hatte nun Stark auch einen Schreibtisch direkt in diesem Zimmer, oder hatte er ein Zimmer nebenan?

Zeuge Johan Beckman:

Ein Zimmer nebenan, wenn ich mich gut erinnere. Er war nicht immer in unserem Zimmer. Er spazierte, und er saß vielmals bei uns. Aber er war auch mal in demselben Block, wenn ich mich gut erinnere, in einem anderen Zimmer.

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, dann noch eine Frage zu Ihrer Verhaftung. Sie sagten, daß Sie aus politischen Gründen verhaftet worden seien. Wären Sie in der Lage, uns zu sagen, was diese Gründe für die Verhaftung ihrer Ansicht nach waren?

Zeuge Johan Beckman:

Ja. Ich war in einer Untergrundorganisation. Dann wurde mein Vater verhaftet, und dann hatten wir schon die Ansicht, daß wir andere gefährdeten. Und dann haben wir versucht, mein Bruder und ich, nach England zu kommen. Das ist erst zweimal über See mißlungen. Und dann haben wir versucht, es über die Schweiz zu tun. Und da sind wir an der Schweizer Grenze bei Frofre verhaftet worden.

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Danke schön.

Vorsitzender Richter:

Herr Sachverständiger, hätten Sie noch eine Frage? Bitte schön.

Sachverständiger Lechler:

Sie haben uns schon einiges über die Persönlichkeit des Angeklagten Stark gesagt. Haben Sie ihn so weit kennengelernt, daß Sie das Bild der Persönlichkeit, seiner Ansichten, seines Verhaltens und vielleicht auch seiner Intelligenz noch etwas abrunden können, an Beispielen oder an Eindrücken? Können Sie die Persönlichkeit noch ergänzend charakterisieren?

Zeuge Johan Beckman:

Ja, sehr charakteristisch war, daß er immer uns nach Beispielen gefragt hat über unsere Schulbildung. Und nicht nur uns, auch die Polen. Das war eine sehr bekannte Sache von ihm, daß er dann sehr froh war, wenn er etwas wußte, was wir nicht wußten. Das war sehr charakteristisch. Ich glaube, da wurden auch bei uns etwas Witze darüber gemacht, in der Aufnahmeabteilung.

Sachverständiger Lechler:

Haben Sie ihn für sehr intelligent gehalten?

Zeuge Johan Beckman:

[Pause] Jedenfalls nicht dumm. [Pause]

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Lechler, ist noch eine Frage zu stellen? Nein.

Sie haben die Anwesenheit von Herrn Medizinaldirektor Doktor Lechler ins Protokoll genommen, ja? Und Personalien wie angegeben. Die Personalien sind dieselben geblieben, Herr Doktor Lechler, Sie haben nicht inzwischen Geburtstag gehabt? So.

Nebenklagevertreter Raabe:

Entschuldigung, ich hätte noch eine Frage.

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, kannten Sie den Angeklagten Broad?

Zeuge Johan Beckman:

Bitte?

Nebenklagevertreter Raabe:

Kannten Sie in Auschwitz einen SS-Mann mit dem Namen Broad, B-R-O-A-D?

Zeuge Johan Beckman:

Nein.

Nebenklagevertreter Raabe:

Nicht? Danke.

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung? Herr Rechtsanwalt Erhard, keine Fragen mehr?

Verteidiger Erhard:

Keine Fragen, aber der Angeklagte Stark möchte eine Erklärung abgeben.

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte schön.

Angeklagter Stark:

Darf ich vielleicht noch etwas zur Aufhellung beitragen betreffs Block 25. Das war also auf Block 25 ein sogenanntes Verstärkungskommando. Das ständige Kommando war vorn in der Blockführerstube.

Zeuge Johan Beckman:

Ja.

Angeklagter Stark:

Und wenn Transporte kamen, größere Transporte, dann wurden beide Kommandos vereinigt, und alle haben aufgenommen damals. Genauso war es in Birkenau. Im Fußmarsch ging das da nach Birkenau.

Dann sagte der Zeuge etwas von Tätowierungen. Während ich in Auschwitz war, wurde noch nicht tätowiert.

Und wegen der Zeiten wurde eben ja unter Beweis gestellt, daß ich vom 1.12.42 bis 31.3.43 Studienurlaub hatte und anschließend auf den Lehrgang kam - da wird ja noch ein Zeuge kommen - und ab 23.5.43 zur Feldeinheit versetzt wurde. Da liegt ja auch schon ein Stammrollenauszug vor.

Was der Zeuge meint - ich wäre noch mal kurz dagewesen -, das ist dasselbe, was der Zeuge Hofer neulich gesagt hat. Das war auf der Fahrt an die Front, im Mai etwa. Da war ich noch mal ganz kurz da und habe nur mal guten Tag gesagt und bin wieder weiter.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das kann stimmen.

Angeklagter Stark:

Das war Mai. Also das werden Sie auch damit meinen, mit der Zeit aus dem Jahr 43, nicht?

Zeuge Johan Beckman:

Das wäre möglich, ja.

Angeklagter Stark:

Jawohl.

Vorsitzender Richter:

Also, Stark, ursprünglich hatten Sie ja gesagt, Sie wären von Weihnachten 41 bis März 42 beurlaubt gewesen zur Ablegung Ihrer Reifeprüfung. Dann, ab November 42, seien Sie zum Studium beurlaubt worden.

Das stimmt nicht ganz. Sie sind erst im Dezember beurlaubt worden zum Studium.

Angeklagter Stark:

Am 1. Dezember.

Vorsitzender Richter:

Am 1. Dezember.

Angeklagter Stark:

Jawohl.

Vorsitzender Richter:

Und dann hatten Sie angegeben, Sie seien zur Front gekommen. Das ist aber nicht wahr. Sie sind dann noch einmal zurückgekommen, nachdem Sie ihr Studium wieder abgebrochen hatten, nicht? Und zwar sind Sie zurückgekommen wann?

Angeklagter Stark:

Am 1. April 43.

Vorsitzender Richter:

Am 1. April. Und Sie blieben dann bis zum 25. Mai 43, ja?

Angeklagter Stark:

Nein, Herr Präsident. Ich sagte doch schon mehrmals, ich bin am 1. April hingekommen und meldete mich bei Grabner zum Dienst. Und da sagte der: »Was wollen Sie hier noch, Sie sind bereits schon einige Stunden«, also ab 1. April, »versetzt.«

Vorsitzender Richter:

Nach Dachau?

Angeklagter Stark:

»Woher das kommt, weiß ich nicht, zu einem Lehrgang.«

Vorsitzender Richter:

Aha.

Angeklagter Stark:

Und dann bin ich sofort wieder abgefahren.

Vorsitzender Richter:

So daß Sie also nach Ihrer Darstellung nur noch am 1. April dort gewesen sein könnten.

Angeklagter Stark:

Jawohl.

Vorsitzender Richter:

[+ Dann sind Sie] noch mal zurückgekommen. Das müßte dann nach Ihrer Darstellung der 1. April gewesen sein oder der 25. Mai.

Angeklagter Stark:

Im Mai auf der Durchreise.

Zeuge Johan Beckman:

Ja, das kann stimmen.

Vorsitzender Richter:

Das kann stimmen?

Zeuge Johan Beckman:

Das kann stimmen, ja.

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Bitte nehmen Sie Platz.

Sonst sind keine Fragen mehr zu stellen, keine Anträge mehr zu stellen. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

Zeuge Johan Beckman:

Jawohl.

Vorsitzender Richter:

Ja.

  1. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 244.
  2. Männerlager BIb.
  3. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 23.11.1962 in 's-Gravenhage, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 75, Bl. 14.153.
  4. Aufgrund des Nacht- und Nebelerlasses vom 7.12.1941 wurden in den besetzten Gebieten des Widerstands verdächtigte Personen verhaftet und meist in Konzentrationslager verbracht. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 595.
  5. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 23.11.1962 in 's-Gravenhage, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 75, Bl. 14.159.
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